Ein Kind, das nie eine Chance hatte

Autor Robert Domes stellt sein Buch „Nebel im August“ vor

„Diese Geschichte ist zu mir gekommen“, erzählt der Autor und Journalist Robert Domes jüngst bei der Lesung seines Buches „Nebel im August“, das die entsetzliche Lebensgeschichte von Ernst Lossa erzählt. Er habe sich zunächst geweigert, aus der grausamen und erschütternden Faktenlage ein Buch zu machen. Glücklicherweise hätten ihn jedoch der ehemalige Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Dr. Michael von Cranach, der die Krankenakte von Ernst Lossa entdeckt hat, und insbesondere ein Bild des damals Zwölfjährigen davon überzeugt, das Schicksal des Jungen in der NS-Zeit in einem Roman zu verarbeiten. Eben dieses Bild flankierte Robert Domes bei dessen Vortrag vor den 9. Klassen. Es zeigt den kahlgeschorenen Ernst Lossa im Alter von 12 Jahren mit einem eindringlichen Gesichtsausdruck gepaart aus Pfiffigkeit und Melancholie. Jene Abbildung des Jungen hat Domes, den langjährigen Leiter der Lokalredaktion der Allgäuer Zeitung, schließlich nicht mehr losgelassen. Wäre ihm damals jedoch bewusst gewesen, dass er für seinen Roman mehrere Jahre recherchieren muss, „hätte ich das nie gemacht“, wie er freimütig zugibt. Doch erst hat der Redaktionsleiter den Dienst quittiert und „dann habe ich mir das Leben des Jungen zusammengepuzzelt.“

Robert Domes bedient sich in seinem Roman „Nebel im August“ des Kunstgriffs, dass er die Geschichte aus Ernsts Perspektive erzählt und die reinen Fakten im kurzen Leben des Jungen um fiktive Gedanken, Gefühle und Dialoge ergänzt. Er nimmt die Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe in einer mitreißenden und einfühlsamen Erzähl- und Leseweise mit auf die Reise durch das Leben Ernsts, für den es immer nur bergab ging. „Die Geschichte von Ernst Lossa ist die eines Außenseiters, der schwierig war und sich nicht anpasste“, sagt Domes. Der kleine Ernst war das erste Kind von Anna und Christian Lossa. Bald folgten zwei Töchter und noch ein kleiner Sohn. Die bettelarmen Eltern gehörten zu den Jenischen, die als fahrende Händler in Süddeutschland unterwegs waren und Stoffe sowie Kurzwaren an der Haustür verkauften. Da die Jenischen in ähnlichen Berufen tätig waren wie viele Sinti und Roma, wurden auch sie als „Zigeuner“ diffamiert und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunehmend ausgegrenzt, entrechtet und getötet.

Besonders die von Domes vorgelesene Passage, als Ernst im Sommer 1933 von seiner Mutter, einer noch sehr jungen und mit der Erziehung ihrer vier Kinder völlig überforderten Frau, getrennt und infolge einer amtlichen Anordnung der Jugendfürsorge in ein Kinderheim nach Hochzoll bei Augsburg gebracht wird, ist sehr bewegend. Im Raum hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so ergriffen waren die Schülerinnen und Schüler. Damit beginnt für Ernst eine Heimkarriere, im Laufe derer der Bub unsägliche Schikanen, Gewalt, Schläge und harte Strafen erdulden muss. Den Jugendlichen begegnet in diesem biografischen Roman ein annähernd Gleichaltriger, der zu den Außenseitern der Gesellschaft gehört, gelegentlich stiehlt und lügt sowie die Tötungsmaschinerie des Nationalsozialismus´ hautnah miterlebt, entlarvt und schließlich mit knapp 15 Jahren mit zwei Morphium-Spritzen in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee von den Nazis getötet wird. Dort war der Junge seit rund 18 Monaten untergebracht, doch er war weder geisteskrank noch behindert. Im Gegenteil: Ernst Lossa war aufgeweckt, hilfsbereit und schlau, aber eben auch unangepasst und wohl nicht ganz einfach. Für die Nationalsozialisten war es dennoch Grund genug, ihn als „Psychopathen mit asozialen Neigungen“ zu brandmarken und als "selten abartiges Kind“ erst jahrelang wegzusperren und schließlich am 9. November 1944 zu töten. Damit war er einer von unzähligen Menschen, die in Irsee und der dazugehörigen Hauptanstalt Kaufbeuren im Zuge des NS-Euthanasieprogramms umgebracht wurden.

Gespannt hörten die Schülerinnen und Schüler zu und auch die Fragen gegen Ende der 90 Minuten zeigten, dass diese Lebensgeschichte, die bereits in zahlreiche Fremdsprachen übersetzt und mit renommierten Schauspielern wie Fritzi Haberlandt und Sebastian Koch auch kürzlich verfilmt wurde, niemanden kalt gelassen hat. Besonders empörte die Schülerinnen und Schüler die Tatsache, dass die Peiniger von Ernst Lossa bei einem Prozess im Jahr 1949 mit lächerlich milden Strafen davonkamen.

StRef Maximilian Hain