Wernher von Braun: ein problematischer Namensgeber

Wernher von Braun

Das Gymnasium Friedberg trug von 1979 bis 2014 den Namen des Raketenpioniers Wernher von Braun. Dem jungen und zukunftsorientierten, mathematisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Gymnasium wurde der Namen dieses weltbekannten Wissenschaftlers und Ingenieurs gegeben, weil sein Anteil an der Entwicklung der Weltraumrakete und am Vorstoß in den Weltraum eine überragende wissenschaftlich-technische Leistung bedeutet, deren Ergebnisse (z. B. in der Nutzung von Forschungssatelliten und in der Kommunikationstech-nik) heute nicht mehr wegzudenken sind. Sein Name ist verknüpft mit der erfolgreichen Mondlandung im Jahr 1969, er gilt als Prophet der Raumfahrt und genialer Entwickler.

Seit in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts Wernher von Brauns Verstrickungen in die Gräueltaten der Nationalsozialisten öffentlich diskutiert wurden, änderte sich die Haltung der Schulfamilie gegenüber dem Namensgeber. Aufgrund von Forderungen nach einer Umbenennung des Gymnasiums befasste sich ein Arbeitskreis an der Schule mit der Frage, ob angesichts der Biografie des Namensgebers eine Beibehaltung des Schulnamens noch gewünscht bzw. überhaupt noch vertretbar sei. Am Ende entschied sich die Schule nach intensiver Debatte nicht für den relativ einfachen Weg der Umbenennung. Sie entschied sich für den deutlich schwierigeren Weg der Beibehaltung des umstrittenen Namens unter neuem Vorzeichen. Die Schule verpflichtete sich, den Namensgeber künftig nicht mehr als Identifikationsfigur, sondern als pädagogische Herausforderung zu verstehen, als eine besondere pädagogische Chance und Verpflichtung für eine exemplarische und fächerübergreifende Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte eines genialen Wissenschaftlers, der für die Verwirklichung seines wissenschaftlichen Lebenstraums auch bereit war, zumindest zeitweise über Leichen zu gehen.

Diese Auseinandersetzung war nicht immer einfach. Andererseits schien gerade die Beschäftigung mit einem solch schwierigen Thema für unsere Schüler pädagogisch wichtig und gewinnbringend. Das Problemfeld "technischer Fortschritt – ethische Verantwortung" ist ein Thema, das gerade an einer Schule wie der unseren, die eine starke naturwissenschaftliche Ausrichtung aufweist, von besonderer Bedeutung ist. Welchen Preis darf wissenschaftlicher Fortschritt haben? Welchen ethischen Fragen muss sich ein Wissenschaftler stellen? Zu einer Auseinandersetzung hinsichtlich der gesellschaftlichen und moralischen Verantwortung von Wissenschaft und Technik sowie der Normen und Möglichkeiten individuellen Handelns lud und lädt die Beschäftigung mit dem früheren Namensgeber unserer Schule geradezu ein.

2012 fand anlässlich des 100. Geburtstages Wernher von Braun unter anderem ein internationales Symposium zum Thema Was kostet der Mond? Wernher von Braun und die ethische Dimension der Wissenschaft statt. Symposium und Begleitausstellung wurden in zweijähriger Arbeit von zwei P-Seminargruppen Geschichte geplant und durchgeführt. In der Vorbereitung wurden unter anderem das Historisch-Technische Museum in Peenemünde und die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora besucht.

In der öffentlichen Wahrnehmung wurde dies alles von einer Neuauflage der Namensdebatte der 90er-Jahre überlagert. Als die Schulgemeinschaft der von verschiedenen Seiten erhobenen Forderung nach einer Namensänderung nicht nachkam, wurde die Angelegenheit auf die politische Ebene gehoben. Dabei zeigten insbesondere die Äußerungen hochrangiger Politiker, dass hier mittlerweile eine von der Haltung der Schulfamilie abweichende Bewertung stattgefunden hatte. Im Rat des Kreistags vom 20. März 2013, sich von dem umstrittenen Schulnamen zu trennen, „um Schaden von der Schule und vom Landkreis abzuwenden“, kam dies in ganz besonderer Weise zum Ausdruck.

Die daraufhin vom Staatsministerium für die weitere Namensdiskussion angebotene Begleitung durch die Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit nahm die Schulgemeinschaft gerne an. Der Schule wurde vorgeschlagen, eine Reflexion über ihr Leitbild durchzuführen und im Anschluss daran die Vereinbarkeit ihrer Zielvorstellungen mit dem Schulnamen nochmals zu überdenken. Als jedoch während dieses Leitbildprozesses durch Berichte in den Medien bei einem mit der Schulwirklichkeit nicht vertrauten Zuschauer der irrige Eindruck entstehen konnte, dass sich die Schule mit der Problematik des Schulnamens, ja vielleicht sogar mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in Wirklichkeit gar nicht ernsthaft auseinandersetzen würde, entschloss sich die Schulgemeinschaft, mit der Entscheidung über den Schulnamen nicht mehr bis zum Abschluss des Leitbildprozesses zu warten.

Nach Abstimmung in den hierfür zuständigen Gremien Lehrerkonferenz, Elternbeirat und SMV stellte die Schulleitung am 7. Januar 2014 beim Staatsministerium den Antrag, die im Jahre 1979 vorgenommene Namensverleihung gemäß dem Rat des Kreistags zum nächstmöglichen Zeitpunkt rückgängig zu machen. Grundlage hierfür war das entsprechende Votum von Lehrerkonferenz und Elternbeirat sowie die Mehrheit der insgesamt abgegebenen Stimmen (Lehrerkonferenz, Elternbeirat, Schüler der Jahrgangsstufen 9-12). Damit sollte die für die Schulgemeinschaft seit den 90er-Jahren immer selbstverständlich gewesene Distanzierung von der Vorbildfunktion Wernher von Brauns nun auch nach außen hin in unmissverständlicher Klarheit zum Ausdruck gebracht werden. Die Schulgemeinschaft sprach in diesem Kontext auch ihr Bedauern darüber aus, dass die Art und Weise, wie sie mit der aus dem Schulnamen ererbten pädagogischen Verpflichtung umgegangen war, insbesondere bei Opfern des Nationalsozialismus offensichtlich zu Unverständnis und Verletzungen geführt hat.

Dem Antrag der Schulleitung auf Rücknahme der Namensverleihung wurde vom Staatsministerium mit Wirkung zum 1. Februar 2014 entsprochen. Damit ist unsere Schule nun wieder zu ihrer ursprünglichen Bezeichnung „Staatliches Gymnasium Friedberg“ zurückgekehrt.

Michael J. Neufelds Beitrag zum Symposium am 23.03.2012

Michael Neufeld ist Kurator der Abteilung für Geschichte der Raumfahrt im National Air and Space Museum der Smithsonian Institution in Washington. Seine Biografie, für die er die umfangreichste zu diesem Thema analysierte Anzahl von Primärquellen heranzog, gilt als die bisher umfassendste über Wernher von Braun. Hier sein Beitrag zum Symposium vom 23.03.2012

Lebensdaten: Wernher von Braun

23.3.1912 Geburt in Wirsitz, Provinz Posen
1928 Wernher von Braun wird Mitglied im "Verein für Raumschiffahrt"; dort lernt er sein Idol, den Raketeningenieur Hermann Oberth, kennen.
1930-1934 Studium in Berlin, daneben Mitarbeit an Raketenversuchen bei Professor Oberth
ab 1932 Anstellung bei der Reichswehr: Wernher von Braun ist an der Entwicklung von Flüssigkeitsraketen in der Raketenversuchsanstalt des Heereswaffenamtes in Kummersdorf beteiligt. Die Reichswehr bietet ihm die Möglichkeit, sich ohne finanzielle Sorgen seiner Forschung widmen zu können.
1933 "Machtergreifung" der Nationalsozialisten. Wernher von Braun beschäftigt sich wenig mit den politischen Ereignissen und konzentriert sich auf seine Forschung. Bis zum Abschluss seiner Promotion war er allerdings zeitweise Mitglied einer SS-Reiterstaffel in Berlin.
1934 Promotion in Physik über "Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete". Die Arbeit darf aus Geheimhaltungsgründen nicht veröffentlicht werden.
1937 Als Zivilangestellter wird Wernher von Braun im Alter von 25 Jahren Technischer Direktor der neugegründeten Raketenversuchsanstalt von Heer- und Luftwaffe in Peenemünde/Ostsee. Im abgeschiedenen nördlichen Teil der Insel Usedom entsteht ein modernes Zentrum, in dem Heer und Luftwaffe ungestört an der Weiterentwicklung der Raketentechnologie forschen. Die militärische Leitung obliegt General Walter Dornberger.
ab 1939 Nach Kriegsbeginn lässt Wernher von Braun nichts unversucht, um seine Forschungen weiter betreiben zu können; er fürchtet den Abzug von Mitarbeitern und die Kürzung finanzieller Zuwendungen. So verspricht er der NS-Führung unter anderem die Serienfertigung des Aggregat 4, obwohl die Entwicklung des A4 noch bei weitem nicht ausgereift ist.
Sein hartnäckiges Werben um höhere finanzielle Mittel ist letztlich erfolgreich, allerdings wird nun von ihm die Produktion einer "Wunder- bzw. Vergeltungswaffe" in hohen Stückzahlen erwartet. Eine weitere Folge war, dass das Rüstungsministerium unter Speer, die SS und die Rüstungsindustrie zunehmend Einfluss auf die Entwicklung und Fertigung des A4/V2 nehmen.
1940 Wernher von Braun tritt in die SS ein. Bereits einige Jahre zuvor war er Mitglied der NSDAP geworden.
1942 Entscheidender Durchbruch: Die Rakete A4 durchstößt die Schallmauer und erreicht die Höhe von 85 km.
1943 Nach britischer Bombardierung von Peenemünde wird das Serienwerk nach Nordhausen im Harz verlegt und als unterirdisches Werk weitergeführt. Hier erfolgt die Fertigung der V2 unter dem Einsatz von KZ-Häftlingen unter dem Kommando der SS in Dora, einem Außenlager des KZ Buchenwald. Infolge der menschenverachtenden Arbeits-und Lebensbedingungen stirbt dort jeder dritte von ca. 60.000 Häftlingen. Wernher von Braun bestreitet später, von diesen Verhältnissen Kenntnis gehabt zu haben. Allerdings existieren Dokumente, die belegen, dass er auch selbst Häftlinge für die V2-Produktion anforderte, auch besuchte er die Fertigungsanlagen in Mittelbau-Dora wiederholt.
1944 Wernher von Braun wird von der Gestapo verhaftet. Es wird ihm vorgeworfen, die Entwicklung der V2 zu sabotieren. Er sei vielmehr an der A4 als ziviler Weltraum- und Mondrakete interessiert. Auf Druck Speers kommt er frei.
Im September erste Einsätze der "V2" für Terrorangriffe auf London und Antwerpen, im Oktober Verleihung des Ritterkreuzes des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern an Wernher von Braun.
1945 Wernher von Braun und etliche seiner Mitarbeiter ergeben sich den Amerikanern und gehen nach Kriegsende im Rahmen der "Operation Overcast" in die USA
1947 Wernher von Braun heiratet seine Cousine Maria von Quistorp
ab 1950 Arbeit im Raketenzentrum in Huntsville/AI
1955 Wernher von Braun erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft.
1958 Erster amerikanischer Satellit EXPLORER im Weltraum, gestartet mit der von Braun entwickelten Jupiter-C-Rakete, zahlreiche Auszeichnungen
1959 Wernher von Braun erhält das Bundesverdienstkreuz aus der Hand von Theodor Heuss
1960 John F. Kennedy wird amerikanischer Präsident. Er ergreift die Initiative für ein neues Raumfahrtprojekt: Beginn des Apollo-Programms.
1961 Erste bemannte Rakete der USA mit dem Astronauten Alan Shepard im All
1969 Höhepunkt des Raumfahrtprogramms: Flug zum Mond und erste Mondlandung amerikanischer Astronauten, mit Hilfe der von Wernher von Braun und seinem Team entwickelten Saturn V-Rakete;
hohe Ehrungen in aller Welt.
1970 Leiter der Planungsabteilung der Weltraumbehörde NASA.
Wernher von Braun erhält das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
1972 Nach Budgetkürzungen bei der NASA Wechsel zur Privatindustrie (Luftfahrtkonzern Fairchild Industries), Entwicklung von Satelliten zur wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzung.
17.06.1977 Wernher von Braun, seit zwei Jahren an Krebs erkrankt, stirbt in Alexandria.